Das F-Wort neu definiert

Was wir über Feminismus denken

Bin ich eine Feministin?

von Toni

FeministIn: Dieser Begriff bezeichnet einen Menschen, der sich für soziale, politische und wirtschaftliche Gleichstellung aller Geschlechter innerhalb einer Gesellschaft einsetzt. Er beschreibt einen Menschen, der sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Alltag einsetzt, der für eine Gesellschaft steht, in der kein Mensch Macht über einen anderen haben soll. Niemand fordert also die Machtübernahme der Weltherrschaft durch das weibliche Geschlecht – wovor einige männliche Wesen sich wohl fürchten, wenn sie an Feminismus denken. Denn wie Simone de Beauvoir sagt: „It is not for women simply to take power out of men’s hands since that wouldn’t change anything about the world. It’s a question precisely of destroying that notion of power.“

So lang, so kompliziert. Findet zumindest ein erschreckend großer Teil der Gesellschaft, denn viele Menschen verstehen diesen Begriff immer noch falsch und dass obwohl es ihn seit dem späten 19. Jahrhundert gibt. Einerseits verständlich, denn heute gehört weitaus mehr dazu als die Forderung nach Wahlrecht und ein Recht auf Erwerbstätigkeit – haben wir alles schon dank engagierter Feministinnen wie Susan B. Anthony, Betty Friedan und Gloria Steinem. Je mehr ich mich mit dem Begriff und den Ideen dahinter auseinandersetze, je mehr feministische Texte ich lese und Reden ich höre, desto mehr merke ich, dass jeder Feminist bzw. jede Feministin seine bzw. ihre eigene Definition hat, dass es entsprechend mehr als nur ein Richtig gibt. Richtig oder falsch gibt es meiner Meinung nach schon. Denn während einer Diskussion über die Gender Pay Gap als prüde Emanze abgestempelt zu werden, ist weder charmant noch argumentativ und diese Aussage meines Gegenübers lässt definitiv keine korrekte Definition von Feminismus als Grundlage seiner Argumentation vermuten.

Für jeden Feminist und jede Feministin bedeutet es wohl ein bisschen was anderes, sich als diese bzw. dieser zu bezeichnen und das erscheint für mich auch selbstverständlich, denn die Auseinandersetzung mit der Stellung des eigenen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft findet immer individuell statt. Niemand hat die gleichen Erlebnisse durchgemacht oder die gleiche Erziehung genossen. Ich hoffe aber, dass jeder Mensch in seinem Leben irgendwann in eine Situation kommt, die ihn wachrüttelt und veranlasst, sich mit dem Begriff und dem Konzept dahinter auseinanderzusetzen. Denn es ist wirklich enttäuschend, dass ein Teil der Gesellschaft davon ausgeht, dass die Gleichberechtigung der Frau vollkommen ist und der Feminismus als Bewegung nicht mehr gebraucht wird. Ich wünschte auch, wir wären schon längst soweit, aber so ist es eben nicht. Hier zwei kurze Beispiele aus meinem Alltag:

Ich absolviere zurzeit mein Praktikum an einer Grundschule in Erfurt. Die Schülerinnen und Schüler einer vierten Klassen beginnen ein neues Thema im Heimat- und Sachkundeunterricht. Sie werden in den nächsten Unterrichtsstunden die Themen Sexualität, Geschlecht, Geburt und Schwangerschaft behandeln. Zur Einführung in das Thema stellt die Klassenlehrerin den Kindern einige Fragen, die sie selbständig beantworten sollen. Die Antwort eines Jungen ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben, denn auf die Frage „Was unterscheidet Mädchen und Jungen?“ lautet seine Antwort: „Mädchen machen mir zu essen und waschen meine Sachen.“ Diese problematische Antwort eines 10-jährigen lässt vermuten, dass man in seinem Elternhaus noch meilenweit von einer gleichgestellten Erziehung von Jungen und Mädchen entfernt ist. Außerdem zeigt sie mir, wie dringend wir den Feminismus in unserer Gesellschaft und vor allem in den Bildungsinstitutionen weiterhin brauchen.

Aber auch in anderen alltäglichen Situationen wird immer wieder deutlich, dass wir noch lange nicht in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben. Auf meinem Weg von der Grundschule nach Hause warte ich täglich an einer Straßenbahnhaltestelle, daneben befindet sich eine Ampel mit ebenfalls wartenden Autos. Am vergangenen Montag habe ich einen kurzen Rock getragen – was heißt kurz, er bedeckte gut zwei Drittel meiner Oberschenkel. Dies war aber anscheinend nicht lang genug, um eine ungewollte Anmache fernzuhalten. Denn kaum stand ich an der Haltestelle, ließ ein Mann mittleren Alters seine Fensterscheibe herunter und zwinkerte mir mit süffisantem Grinsen im Gesicht zu, bevor er anfing etwas zu sagen, was einen billigen Anmachspruch vermuten ließ. Ich war froh, dass ich Kopfhörer im Ohr hatte und ihn nicht verstand, aber sein Gesichtsausdruck hatte mich bereits so sehr angeekelt, dass ich mich wegdrehte und an das andere Ende der Bahnhaltestelle begab. Das war das erste Mal seit meinem Umzug nach Erfurt, dass ich einen Cat-Call am eigenen Leib erfahren habe. Cat-Calling bedeutet, dass einem Mädchen odereiner Frau, welche sich im öffentlichen Raum bewegt, von einem anderen Menschen (häufig männlich) nachgerufen, nachgepfiffen oder ihr Aussehen in irgendeiner Weise kommentiert wird. Solche „Cat-Calls“ haben meistens einen sexuellen Bezug und sind für die Frauen dementsprechend höchst unangenehm. So weit, so unschön. Ich habe eine dicke Haut, aber später in der Straßenbahn fragte ich mich dann doch: Wäre ich auch angemacht worden, hätte ich statt dem kurzen Rock eine lange Jeans getragen?

Als schüchternes Mädchen und als Teenager habe ich nie Kleider oder Röcke getragen. Wenn ich mich dann doch mal traute, das einzige Kleid in meinem Kleiderschrank hervorzukramen, hätte mich so eine Situation vor einigen Jahren noch dazu gebracht, es endgültig aus meinem Kleiderschrank zu verbannen. Heute trage ich die kurzen Kleider und Röcke aber aus Trotz. Die Gesellschaft bzw. hauptsächlich der männliche Teil davon kann sich nämlich endlich mal daran gewöhnen meine „nackten“ Oberschenkel zu sehen, ohne dabei gleich das Bedürfnis zu haben dies zu kommentieren. Wie kann es denn sein, dass die Sichtbarkeit meiner Oberschenkel – oder zumindest das untere Stück davon – immer noch solche ungewollten Kommentare zu meinem Aussehen hervorrufen? Der Minirock wurde in den 1960er Jahren erfunden.[1] Die Menschheit hatte demnach ziemlich genau 60 Jahre Zeit sich an den Anblick zu gewöhnen. Dank Mary Quant ist der Minirock tatsächlich sowas wie ein revolutionär-feministisches Kleidungsstück. In den 1960er Jahren schockierte die Designerin damit die Modewelt, sodass der Rock für einen gesellschaftlichen Umschwung steht, den wir auch heute noch vorantreiben sollten.[2] Also Mädels: Es ist Sommer, kramt die Röcke aus dem Schrank!

Mit Mode kann man viel ausdrücken und über sich selbst verraten. Ist man gut gestylt und gibt man sich Mühe mit seinem Äußeren, wirkt man gepflegt. Aber auch seine politischen oder gesellschaftlichen Ambitionen kann man damit ausdrücken. Ich muss nicht jeden Tag der Welt mit meinem „Alpha-Female“-Shirt entgegen schreien, was ich von ihrer sexistischen Einstellung halte, aber ich kann ihr durch meine bewussten Entscheidungen am Morgen unterschwellig mitteilen, dass wir im 21. Jahrhundert angekommen sind und Frauen kurze Röcke tragen können, ohne dafür in irgendeiner Weise kommentiert oder beurteilt zu werden. Denn: „A woman’s choice of clothing neither determines nor reflects her character or intentions – and it definitely isn’t an invitation for sexual assault.“ (Aly Raisman)

Um zum Punkt zu kommen: Ja, ich bin Feministin, auch wenn ich keine Kampagnen organisiere oder Bücher zum Thema schreibe. Vor drei Jahren war es zwar noch nicht der entscheidende Faktor bei der Berufswahl, aber heute  hangele ich mich im Studium von Seminar zu Seminar, weil ich in meinem zukünftigen Lehrberuf die Möglichkeit habe, Kinder so zu erziehen und zu bilden, dass sie als Jungen und Mädchen den gleichen Platz in der Gesellschaft einnehmen und diesen gerne für sich beanspruchen. Das ist viel Wert, denn nur mithilfe einer gleichberechtigten und feministischen Erziehung der nächsten Generationen, lässt sich die Gesellschaft nachhaltig verändern.

[1] https://www.welt.de/lifestyle/article3177873/Minirock-Obszoenes-Stueck-und-Freiheitssymbol.html
[2] https://www.merkur.de/welt/mary-quant-erfinderin-minirocks-wird-zr-3358016.html

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