Das F-Wort neu definiert

Was wir über Feminismus denken

Meine feministische Begegnung

von Michelle

Podcast

Hier der Text zum Nachlesen: Genauso wie es Girl Up im Vorwort des Buches „The Future is Female“ von Scarlett Curtis aus dem Jahr 2018 beschrieben hat – Feminismus ist meiner Meinung nach etwas sehr vielfältiges und für jeden Menschen mit unterschiedlichen Erlebnissen aber auch Erkenntnissen verbunden. Für mich sind es besonders Erkenntnisse über die Art und Weise wie ich die Dinge um mich herum wahrnehme, wie ich denke, wie ich handle. Begreifen, dass all dies von Strukturen beeinflusst wird, die in der Gesellschaft vorherrschen, ist beängstigend und macht mich ziemlich wütend. Innerhalb meiner Kindheit bin ich zu der Frau herangewachsen, die ich heute zu sein mag und ich dachte, nur ich alleine bzw. mein Umfeld hätte mich dabei beeinflusst. Jedoch habe ich schon früh angefangen, Dinge zu hinterfragen und stelle immer wieder fest, dass dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Gerade befinde ich mich auf dem Weg, eine Feministin zu werden bzw. bin ich womöglich schon eine. Dies war und ist immer noch ein längerer Prozess. Aber nun, wo ich einmal drinstecke, werde ich mich wohl nicht mehr diesem entziehen können. Ich sehe zu 100% den Sinn darin, für eine Welt zu kämpfen, in der jeder Mensch sich nach eigenem Willen gleich entfalten kann und das Leben auf die eigene Art und Weise leben darf – unabhängig welches Geschlecht oder auch Gender diese Person besitzt. Dennoch ist es dafür nötig, viele Dinge zu realisieren und daraufhin auch nicht mehr aufhören zu können, diese zu sehen. Jeden Tag begegne ich unterschiedlichen Arten von Sexismus und erkenne auch wie Teile meines eigenen Charakters diesem unterfallen sind. Hierfür möchte ich einige Beispiele aufweisen, die mir als weißer Frau in Deutschland widerfahren oder auch aufgefallen sind. Mir ist bewusst, dass in einem westlichen Land ganz andere Strukturen auf einem lasten als in anderen Ländern und Kulturen. Dennoch finde ich es spannend zu sehen, dass trotz der Intersektionalität, welche die feministische Bewegung ausmacht und die auch immer wichtig ist sich bewusst zu machen, es doch einige Dinge gibt, die alle Frauen betreffen – wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Jede Frau, hierbei beziehe mich im Folgenden auf das Geschlecht und nicht auf das Gender, hat ab einem bestimmten Alter zumeist monatlich ihre Periode – das ist fast die Hälfte der Weltbevölkerung und dennoch empfinde ich häufig das Gefühl von Scham wenn ich nur darüber nachdenke. Beim Lesen des Aufsatzes „Die Macht der Periode“ von Arnika George wurde mir bewusst, wie verkehrt das Ganze ist. Hätten Frauen nicht ihre Periode gebe es gar keine Möglichkeit der Fortpflanzung – kein weiteres Leben auf dieser Welt. Ich finde, wir sollten Frauen dafür mehr wertschätzen, dass sie jeden Monat womöglich auch Schmerzen ertragen und dafür das Fundament unserer Menschheit bilden. Ich finde, es sollte mehr darüber gesprochen werden und auch den Männern dieser Welt beigebracht werden, was dies zu bedeuten hat – beispielsweise wie ein Tampon funktioniert. Ein großes Thema für mich ist außerdem diese doch noch verfestigte Vorstellung davon, dass die Frau für den Mann lebt oder da ist und auch ohne ihn nicht kann. Natürlich ist dies nicht mehr so ausgeprägt wie früher, zieht sich aber trotzdem noch durch viele thematischen Ebenen der Gesellschaft. Ich reflektiere über meine Kindheit und stelle fest, dass mir innerhalb von Filmen, Fernsehen oder auch Büchern viel über die Liebe erzählt wurde und ich langsam aber sicher auf die Suche nach meiner großen Liebe ging. Häufig wird dies meiner Meinung nach weiblichen Personen mehr eingetrichtert als männlichen. Dies hat gewisse Ähnlichkeiten zu früheren Gegebenheiten oder auch noch vorhandenen Situationen in anderen Ländern wo die Frau erst an Wert gewinnt, wenn sie verheiratet ist bzw. auch kein Mitspracherecht hat wen sie heiratet. Ich wäre so gerne mehr „wie ein Junge“ erzogen worden, dem vielleicht Beziehungen auch einen gewissen Lebenssinn versprechen, der jedoch nicht aufgezogen wird dies zu suchen, um ein komplett erfüllendes Leben zu haben. Daher mag ich den Ansatz von Chimamanda Adichie, welche in ihrem Werk Dear Ijeawele: A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions dafür plädiert, Frauen Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichungen beizubringen und nicht Hochzeit als eines der wichtigsten Ziele in ihrem Leben. Der Beruf der Frau ist außerdem nicht nur Mutter oder Frau – genauso wie der Mann auch Vater oder Mann sein kann, neben anderen Berufen und Tätigkeiten. Hierzu passt auch das Thema Sexualität: Wie Alicia Garza in ihrem Aufsatz Feminismus ist ein Verb, kein Substantivsagt, „Unsere Körper gelten als etwas, das nur existiert, um Männern Lust zu bereiten und von ihnen beurteilt zu werden“.[1] Anfangs hätte ich diesem bezogen auf mein Umfeld widersprochen, aber je mehr ich darüber nachdenke, werden mir doch einige Unterschiede in der sexuellen Erziehung der Frauen und Männer deutlich und wie stark der weibliche Körper heute auch durch die sozialen Medien wieder mehr sexualisiert wird. Allein das Thema Masturbation ist für Frauen quasi noch ein Tabuthema, es wird nicht häufig darüber gesprochen – bei Männern ist es wohl allgemein normal und wird eher mit etwas Starkem und Gutem verbunden. Hierbei fällt mir auch immer mehr auf, wie ich im Vergleich zu meinem männlichen Umfeld keine wirklichen Erfahrungen mit Pornografie habe und ich bin wütend, dass mir nicht einmal die Wahl gelassen wurde, es für mich zu entdecken – ich habe es immer mit etwas Unnatürlichem gar Verbotenem verbunden. Außerdem habe ich mich in Chimamanda Adichies Vorschlag einer Frau beizubringen, dass nicht alle Menschen einen mögen müssen, sehr wiedergefunden. Es ist spannend zu erkennen, wie ich mich häufig im Umgang mit anderen Menschen, vor allem auch männlichen, ertappe, gar nicht wirklich mir treu zu sein. Ich verstelle mich, frage mich, was andere wohl mögen würden, was sie fühlen und bin am Ende nicht mehr ich selbst. Seitdem ich diese Erkenntnis habe, versuche ich mehr zu mir selbst zu stehen, denn ich mag die Person, die ich bin. Jedoch finde ich es interessant diesen Gedanken als Hinweis, wie man eine Feministin heranziehen sollte, wiederzufinden – verrückt wie das alles zusammenhängt. Diese ganzen Erkenntnisse füllen mich mit so viel Wut und dem Wunsch, ich wäre anders erzogen worden. Dennoch erkenne ich mich auch als Frau, die ich bin, so an und schätze die Fähigkeiten, die ich besitze. Ich glaube ich könnte noch viele weitere Erkenntnisse hier teilen – jedoch soll dies allgemein erst einmal aufzeigen, dass Sexismus überall steckt: in allen Gedanken, in allen Handlungen, womöglich in Form von akzeptierten Normen. Es ist aber etwas menschengemachtes und somit änderbar! Ich möchte in der Zukunft eine Welt schaffen, in der keine Unterdrückung und Ungleichbehandlung vorherrscht, auch nicht aufgrund von Geschlechtern oder Gendern. Dafür werde ich traurig sein, wütend und das System, das sogenannte Patriachat, verfluchen. Jedoch ist mir bewusst, dass dies nicht zielführend ist. Daher werde ich außerdem dafür sorgen, mehr mit Frauen zusammenzuarbeiten und alles zu hinterfragen. Manchen Frauen die Augen öffnen, aber auch Männern meine Erfahrungen mitteilen und mit ihnen sprechen. Allgemein möchte ich mehr über die feministische Bewegung reden und deren gewonnene Erfolge nicht in Vergessenheit geraten lassen. Es ist mir wichtig, sich auszutauschen, zu diskutieren, zu philosophieren, um gemeinsam eine Welt für alle gleichermaßen zu schaffen. Falls ich einmal Kinder in diese Welt setze, werde ich sie zu Feminist*innen erziehen und ihnen gleichermaßen klar machen, in wie vielen sozial erschaffenen Normen unsere Gesellschaft funktioniert und dass diese veränderbar sind, damit alle Menschen ihren Platz darin finden können. Werte wie Vielfalt, Respekt und Offenheit für verschiedene Lebensweisen sind mir dabei besonders wichtig.
Feminismus gibt mir die Kraft dazu, in meinen Schwächen meine Stärke zu finden.
Feminismus gibt mir noch mehr den Mut, mich selbst zu schätzen und zu lieben.
Feminismus zeigt den Weg, wie wir gemeinsam die Zukunft für alle gerecht gestalten können.

[1] Alicia Garza: Feminismus ist ein Verb, kein Substantiv. In: Scarlett Curtis (Hg.): The Future is Female. München 2018, S. 259.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.