Das F-Wort neu definiert

Was wir über Feminismus denken

Fünf Gedankengänge

Anonym

 

  1. Ich war noch nie ein großer Fan von Make-up gewesen. Alle Mädchen in meiner Klasse schminkten sich, und ich fühlte mich immer wie eine Außenseiterin. Wimperntusche ließ meine Augen brennen, und Lippenstift und Lidschatten fühlten sich wie schlechte Verkleidungen an. Meine Mutter konnte es nie verstehen, meine Freundinnen auch nicht. Bis heute kommt es mir fast surreal vor, dass ich mir immer neue Ausreden einfallen lassen musste. Sollte es nicht meine Wahl sein? Warum muss ich mich bis heute rechtfertigen? Manchmal hatte ich mir fast gewünscht, ein Junge zu sein, nur damit ich nicht so auffallen würde. Jungs mussten ja kein Make-up tragen.
  2. Ich hatte mich schon den ganzen Tag auf das neue Buch gefreut, das ich mir gekauft hatte. Einer meiner Lieblingsautoren hatte eine neue Buchreihe herausgebracht, und diesmal mit einer Frau als Hauptcharakter. Ich machte es mir auf dem Sessel bequem, eine Tasse Tee und Kekse auf dem Tisch neben mir. Alles war perfekt. Ich öffnete das Buch, voller Vorfreude. Fünf Seiten lang war die Beschreibung des weiblichen Hauptcharakters, erzählt aus „ihrer“ Perspektive. Der Autor schien besonders viel Wert auf die Beschreibung der runden, großen, zu großen und doch genau richtigen Brüste und des schönen, schlanken, perfekten Körpers zu legen. Ein lachhaft kurzer Absatz nur befasste sich mit ihrer Persönlichkeit, ihren Hobbies, ihren Wünschen. Welche Frau würde sich denn so beschreiben? Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen.
  3. Mein Neffe ist sieben Jahre alt und liebt es zu tanzen. Er stellt sich oft gerne vor den Spiegel und dreht, verbeugt und verbiegt sich zur Musik. Schon jetzt hat er mehr Körperkontrolle als ich es je hatte, und ein sehr gutes Rhythmusgefühl. Seine Eltern aber sehen sich immer besorgt an, klagen bei jeder Familienfeier: „Das ist doch nicht normal, oder? Tanzen ist doch eher was für Mädchen, warum ist er so versessen darauf? Haben wir ihn falsch erzogen?“ Warum ist es so schrecklich, wenn ein Junge es mag, zu tanzen? Wenn ein Mädchen eine Mechanikerin oder Handwerkerin werden will? Dein Geschlecht sollte keinen Einfluss darauf haben, was du magst oder nicht, was du machen kannst oder nicht. Immer, wenn mein Neffe uns besucht, tanzen wir zusammen. Da spielt es keine Rolle, was seine Eltern denken. Für seine Hobbies sollte er sich nicht schämen müssen.
  4. Meine Eltern wünschen sich einen Enkel, meine Großeltern wünschen sich Urenkel. Ich möchte keine Kinder haben, zumindest nicht in der nahen Zukunft. „Aber warte nicht zu lange“, scherzt meine Mutter, „sonst ist es zu spät und du bereust es.“ Es bereuen? Sie meint wahrscheinlich nichts damit, aber mich macht das nachdenklich. Warum ist es so kontrovers, wenn eine Frau kein Kind haben möchte? Es ist ihr Körper, sie sollte die Entscheidung treffen können. Warum wird es als normal gesehen, dass jede Frau ein Kind haben will? Manche haben nun mal andere Träume und Ziele im Leben, das ist doch normal.
  5. Als ich von Zuhause auszog, drückte mein Vater mir eine Dose Pfefferspray in die Hände. Ich solle doch aufpassen, da draußen seien schlimme Kerle unterwegs. „Geh nachts nicht allein aus dem Haus“, fügte er hinzu. Seine Sorgen wanderten auf mich über. Würde er mich genauso warnen, wenn ich ein Mann wäre? Wenn ich abends oder nachts nun doch allein unterwegs bin, auf dem Nachhauseweg von der Universität oder der Arbeit, dann laufe ich schneller, immer in der Hoffnung, dass mir niemand begegnet, dass niemand in die gleiche Richtung gehen muss. Müssen sich Männer auch so fürchten?

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