Das F-Wort neu definiert

Was wir über Feminismus denken

Es war einmal… das Märchen von Frauen in Führungspositionen

von Doreen Denstädt

Es war einmal in einem Königreich, in dem die Untertanen dem König und der Königin sehr am Herzen lagen. Alle im Reich trugen die gleichen blauen Sachen, nachdem der Königsfamilie die traditionelle grüne Kleidung nicht mehr gefallen hatten und König und Königin eine Modernisierung anstrebten. Diese hatten sie bei ihren Reisen in ferne Länder gesehen und Gefallen daran gefunden. Vor allem der Königin fiel auf, dass die Untertanen in anderen Ländern viel glücklicher und fleißiger als in ihrem Land waren. König und Königin unterhielten sich sehr lange, waren jedoch ratlos, woran es ihren Untertanen mangeln könnte. Alle erhielten in ihrem Stand die gleiche Bezahlung, unabhängig von Herkunft, Religion oder Geschlecht. Fragte das Königshaus offiziell an, warum die Untertanen nicht glücklicher waren, kam eine vage und offensichtlich unehrliche Antwort der Verwalter der Teilreiche zurück.

In vielen Jahren hatte sich eine Hierarchie etabliert, die es dem Königspaar erlaubte, die zahlreichen Aufgaben im Reich an auserwählte Untertanen abzugeben; sie leisteten einen Dienst- und Treueschwur und waren magisch an ihre Worte und Taten gebunden. Der König und seine Frau hatten nie Kinder bekommen und so trug es sich zu, dass sich die obersten Vertreter des Königshauses Prinzessinnen und Prinzen nannten, auch wenn sie nicht mit dem Königspaar verwandt waren. Jeder im Reich konnte versuchen, in den obersten Stand aufzusteigen und Prinzessin oder Prinz zu werden. Dazu war aber nicht nur das Bestehen anstrengender Prüfungen notwendig, sondern auch die Unterstützung einer Prinzessin oder eines Prinzen. Nur diese konnten den Namen der Kandidat*innen in den magischen Auswahlkelch werfen, der von einem Zauberkreis geschützt wurde. Keiner im Reich wusste, wie die Zauber genau funktionierten – aus dem Wissen der alten, längst ausgestorbenen Druiden war Tradition und Kultur geworden.

Im Reich lebten 77 Prinzen und neun Prinzessinnen. Jede*r von ihnen hatte in schweren Prüfungen gezeigt, dass er*sie seines Standes würdig war. Viele der Prinzen regierten ihre zugewiesenen Ländereien bereits viele Jahre und waren alt und fast blind und taub geworden. Alle Prinzessinnen und Prinzen erhielten zum Dank für ihre treuen Taten einen Schatz und durften ihren Lebensabend auf der Insel Nosipen verbringen, auf welcher es die besten Speisen und Tränke gab und auf der jeden Abend Feste gefeiert wurden. Auch aus diesen Gründen hofften viele Untertanen auf eine Chance, ihr Können zu beweisen und Prinzessin oder Prinz zu werden.

Das Königreich selbst wuchs und die Aufgaben durch neue Erfindungen wurden immer komplexer. Die älteren Prinzen baten den König und die Königin immer eher, ihr Amt niederlegen und auf die Insel Nosipen reisen zu dürfen. Das Königspaar gewährte den Prinzen ihren Wunsch, stellte dann aber fest, dass die Arbeit liegen blieb. Daher entschieden der König und die Königin gemeinsam, dass neue Kandidat*innen für den obersten Stand gefunden werden mussten.

Da die Königin sehr schlau war und unbedingt wissen wollte, warum es so wenig Prinzessinnen gab, schmiedete sie einen Plan. Natürlich beriet sie sich mit ihrem Mann, dem König. Beide hatten nämlich eine schöne Kindheit gehabt, in der sie vor langer Zeit gelernt hatten, dass in einer Beziehung gemeinsame Entscheidungen zum Ziel führen insbesondere dann, wenn die Beziehung auf Gleichberechtigung basiert. Der König war von der Idee seiner Frau begeistert und ließ sich nicht zweimal um Hilfe bitten.

Die königlichen Boten wurden entsandt und verkündeten allerorts, dass am Tag der Anti-Müßiggang-Sortierung auch eine Auswahl für die neuen Prinzessinnen und Prinzen stattfinden werde. Die Kelchzeremonie für die neuen Kandidat*innen solle sodann zur nächsten Sonnenwende stattfinden. Die Prinzessinnen und Prinzen hatten damit einige Monate, um eine geeignete Auswahl zu treffen. Der König vermutete, dass eine längere Auswahlzeit einen positiven Einfluss auf die Anzahl der neuen Prinzessinnen haben könnte. Außerdem hatte die Königin, die selbst nie Mutter war, erfahren, dass die Kinderbetreuung im Reich bei den weiblichen Untertanen lag. Etwa ein Drittel der Frauen mit kleinen Kindern arbeitete, im Gegensatz zu den männlichen Untertanen, bei denen es 94,2 Prozent waren.

Der König und die Königin hatten also allerhand zu erforschen. Nachdem sie ihre Überlegungen gemeinsam auf einer großen Tafel in einem ihrer Geheimzimmer notiert hatten, verkleideten sie sich. Mit Hilfe eines Zaubertrankes, der zwar schon etwas älter war und leicht säuerlich schmeckte, änderten sie ihre Gestalt. Nachdem die Königin und der König zwei Schluck getrunken hatten, stieg eine Rauchwolke auf, verhüllte die beiden und alles verdunkelte sich, bis ein greller Lichtschein beide derart blendete, dass sie einige Minuten brauchten, um wieder etwas zu sehen. Als sie sich anblickten, konnten sie ihren Augen nicht trauen und die ersten Worte aus ihrem eigenen Mund klangen recht seltsam…

…aus der Königin war ein Prinzenkandidat, aus dem König eine Kandidatin geworden. Gemeinsam lachten sie herzlich und freuten sich, dass sie sicher keiner im Reich erkennen würde. Die Königin wählte den Namen Hans für sich aus. Sie hatte von Gelehrten erfahren, dass die meisten Prinzen und Prinzenkandidaten „Hans“ hießen und es sogar mehr von ihnen gab, als Frauen in Führungspositionen insgesamt. Im Volksmund sprach man vom Phänomen der Hans-Bremse. „Hans also“, sagte die Königin, auch wenn ihr im selben Moment ein sehr vorlauter, rechthaberischer und hinterhältiger Hans aus ihrer Kindheit wieder einfiel, den sie damals so gar nicht gemocht hatte.

Der König hingegen tat sich sehr schwer, einen Namen auszuwählen. Er wollte nicht zu emanzipiert wirken und seine Kandidatur bereits durch einen einschüchternden Namen gefährden. Zu weiblich sollte der Name aber auch nicht sein, er befürchtete Avancen. Nach stundenlanger Überlegung entschied er sich für den Namen SaDori, den Namen seiner Mutter, die er sehr schätzte.

Die nächsten Stunden verbrachte SaDori im Kleiderschrank der Königin, die amüsiert feststellte, dass der König genau wie bei der Namensauswahl vollkommen überfordert war. Die Königin, also Hans, hatte sich innerhalb von fünf Minuten für einen schlichten Anzug entschieden und nun viel Zeit, ihren Mann beim Anprobieren ihrer zahlreichen Kleider zu unterstützen. Auch hier musste die Garderobe einen schmalen Grad des Anspruches an eine Führungsposition genügen, weiblich genug doch nicht zu weiblich. Nach Stunden, in denen auch Hans keine Worte mehr für oder gegen ein Kleid fand, war es endlich vollbracht.

Im Dunkel des Abends schlich das Königspaar durch einen Geheimgang, der durch die Katakomben des Schlosskellers führte, hinaus in die kalte Nachtluft. Da beide die Flucht mit Akribie geplant hatten, saßen sie in kurzer Zeit auf den zuvor versteckten Pferden. Einen Teil des Weges ritten sie gemeinsam, auch weil Hans sich sorgte, dass der allein reisenden SaDori etwas geschehen könnte. Die Königin war selbst überrascht, dass sie derart empfand. Eine leichte Sorge blieb, auch nachdem sie sich lange und innig verabschiedet hatten, um ihre Reisen getrennt in die vorher verteilten vier Ländereien der Prinzessinnen und Prinzen anzutreten.

Hans, zur Erinnerung: die Königin, erreichte als Erster sein Ziel – das Fürstentum des Prinzen Bertram dem mächtig Schönen. Schon an den Grenzen des Reiches ragten in regelmäßigen Abständen, sodass es einem nicht gelang einen Platz ohne zu finden, riesige weiße Marmorstatuen mit dem Konterfei Bertrams in anmutigen Posen in den Himmel. Die Königin war beeindruckt von so viel Prunk. Am Königshaus gab es solch überschwängliche Selbstdarstellung nicht, da die Königin und der König nichts von Verschwendung hielten. Hans atmete vor dem Betreten der großen Halle, in der viele Menschen warteten, um sich für das Auswahlverfahren zu empfehlen, noch einmal tief durch und versuchte damit alle Vorurteile wegzuatmen. Die Gestaltung des Auswahlverfahrens lag seit jeher in den Händen der Prinzessinnen und Prinzen war aber durch deren magischen Schwur an das Königshaus gebunden. Die Königin war umso überraschter, als sie erfahren musste, was aus der Auswahlzeremonie geworden war… Hans, der sehr stattlich, groß gewachsen und trainiert war, ragte über die meisten Anwesenden hinaus und konnte den gesamten Saal überblicken, trotz unzähliger schubsender, drängelnder Kandidat*innen. Wer nicht genug Durchsetzungsvermögen und Kraft in den Ellenbogen hatte, wurde einfach wieder aus einer der drei zweiflügligen Türen hinaus gedrückt. Nach einer Weile schlossen Diener die Türen und alle, die es bis dahin nicht in den Saal geschafft hatten, blieben draußen. Das dann folgende Schauspiel erzürnte die Königin. Bertram der mächtig Schöne, ein Mann, der etwas größer als ein 10-jähriges Kind, leicht übergewichtig war und einen Haarkranz hatte, betrat den Saal. Seine Zeit als Schönling und Lebemann hatten deutliche, schwer zu ignorierende Spuren hinterlassen. Zudem war er sehr unvorteilhaft mit einem glitzernden goldgelben Festanzug gekleidet, der beim längeren Anschauen in den Augen brannte, mit ausladendem Stehkragen, den passenden Strass besetzten Pluderhosen in mintgrün und himmelblauen Lackschuhen mit Schleife. Dieser kleine Mann genoss zunächst seinen Auftritt. Er schritt bedächtig eine weite Treppe hinunter, hielt auf jeder der 25 Stufen inne und winkte unter tosendem Beifall in die Menge der Wartenden. Als er nach etwa 45 Minuten seinen Thron erreicht hatte, bedankt er sich bei den Anwesenden für die Begeisterung und den Beifall für seine Person, die er natürlich nicht anders erwartet hatte. Es folgte ein langer Monolog, der den Wartenden erläuterte, warum diese Begeisterung gerechtfertigt war. Nach etwas mehr als drei Stunden endete der Prinz mit seinen Ausführungen. Ein Großteil der Anwesenden war inzwischen eingeschlafen… neben Hans waren lediglich noch fünf weitere Personen wach, darunter zwei weibliche Kandidatinnen. Der Prinz forderte die Wachen auf, ihn zu beeindrucken. Weitere Einschränkungen nahm er nicht vor. Eine der Frauen begann sich vorzustellen und gab an, einen Tanz für den Prinzen einstudiert zu haben, weil dieser selbst gern Bälle gebe und als leidenschaftlicher Tänzer bekannt sei. Nach wenigen Takten winkte Bertram ab, sagte ihr sie sei zu hässlich und schickte sie hinaus. Unter Tränen verließ die Kandidatin den Saal. Allen übrigen Kandidaten war die Verwunderung über diese Entscheidung anzusehen, da der Tanz allen anderen sehr gut gefallen hatte. Einer der männlichen Kandidaten konnte seine Verärgerung über die nicht nachvollziehbare Entscheidung nicht zurückhalten und flüsterte leise fragend „Warum?“… als Bertram dies hörte, verlor er die Fassung, schrie alle Kandidaten an, wer von ihnen seine Entscheidungskompetenz infrage stelle und warf sie ohne weitere Prüfung oder Auswahl alle hinaus.

Alle weinten bitterlich und waren sich einig, dass ein Lebensabend auf der Insel Nosipen dieses Martyrium nicht wert ist. Einige überlegten sogar, das Königreich zu verlassen, da ihnen zu Ohren gekommen war, dass die Untertanen in anderen Ländern glücklicher waren. Hans nahm aus der beklemmenden Situation heraus allen Mut zusammen und traute sich, einen Vorschlag zu machen: „Wir schreiben unsere Sorgen auf und wenden uns an das Königpaar!“, verkündete sie mit fester Stimme. Die Kandidat*innen waren zunächst sehr ängstlich und erzählten Hans, dass sie fürchteten, Bertram könnte sie und ihre Familien in die Anfängerkaste einordnen, zu der alle Untertanen als Kinder gehören und aus der sie sich durch Fleiß, Lernen und Mut in andere Kasten hervorarbeiteten. Die Königin hatte vergessen, dass die Prinzessinnen und Prinzen die Macht haben, über den Aufstieg und Fall der Untertanen, verbunden mit den damit einhergehenden finanziellen Zuwendungen, zu entscheiden.

Sie saßen lange zusammen, die Tänzerin, die Carmen hieß, zeigte den anderen ihre vorbereitete Darbietung und erntete viel Applaus und Anerkennung. Zwei weitere Kandidaten hatten ein Musikstück eingeübt, die andere Kandidatin ein Gedicht. Alle trauten sich, ihre Stücke zu zeigen und auch aus den Reihen der Eingeschlafenen kamen immer mehr hinzu. Zum Schluss glich die Lichtung, auf die sich Hans und die Kandidat*innen zurückgezogen hatten, einem Jahrmarkt voller Kunst mit Tanz, Musik, Schauspiel und Gesang. Nach und nach öffneten sich die Untertanen und erzählten Hans ihre Sorgen. Die Königin notierte alles und fügte Zeichnungen, Collagen, Gedichte und Musikstücke hinzu, bis ein Bild entstand, mit dem alle sehr zufrieden waren. Spät in der Nacht verabschiedete sich Hans und trat den Heimweg an.

Zur selben Zeit erlebte der König, SaDori, eine andere Geschichte: Er war in die Ländereien von Larissa der Zerrissenen gereist, um am dortigen Auswahlverfahren teilzunehmen. Nach Betreten des Reiches fiel SaDori bald auf, dass die vorherrschende Farbe des Teilreiches grau war. Alle Häuser waren in verschiedenen Grautönen gestrichen, selbst die Dächer waren alle in grau gedeckt. Blumen gab es nicht und die wenigen Bäume wirkten trist. Selbst die Kleidung, die für alle Untertanen einheitlich war, wirkte grauer. Die meisten Menschen denen SaDori begegnete, schauten mit leerem Blick in die Ferne oder sahen zu Boden. Einen Gruß erhielt sie selten und nur, wenn sie selbst zuerst grüßte. Meist wirkten besonders die Männer überrascht oder erschrocken. Mehrfach überprüfte der König seine, einem Vorstellungsgespräch angemessene, auf dem schmalen Pfad zwischen zu weiblich und weiblich genug befindliche Garderobe. Diese machte es ihm überdies nicht einfach mit dem Pferd anzureisen… aber das nur am Rande.

Nachdem der König am Hause Larissas der Zerrissenen eingetroffen war, begab er sich, den Schildern, auf denen „Auswahlverfahren“ stand, folgend, in einen prunklosen, grauen, großen Raum. In diesem Saal standen unzählige graue verwitterte Tische mit je einem Stuhl, der ebenfalls wirkte, als hätte er die letzten Jahrzehnte im Freien verbracht. Es waren wenige Kandidat*innen erschienen. SaDori zählte gerade einmal neun, davon, abgesehen vom König selbst, nur eine Frau. Diese nickte SaDori freundlich zu und stach damit aus den tristen teilnahmslosen anderen Kandidaten heraus. Der König freute sich über das freundliche Lächeln und erwiderte dieses in gleicher Weise. Nach geraumer Zeit bemerkte SaDori eine weitere Frau im Raum, diese saß ganz am anderen Ende und hob sich von der grauen Wand, die sich hinter ihr befand, kaum ab. Ebenso erkannte der König erst nach genauerem Hinsehen, dass zwei Männer, einer zur Rechten und einer zur Linken, hinter der unscheinbaren, sehr nervös wirkenden Frau saßen. Mit unsicherer Stimme bat sie die Kandidat*innen näher zu kommen und sich einen Platz zu suchen. Ihre Vorstellung als Prinzessin Larissa ging im allgemeinen Platzsuchen unter. Alle folgten jedoch der Aufforderung und setzten sich. Einer der Kandidaten hatte bei seiner Auswahl Pech, ein hinteres Stuhlbein gab nach, er schwankte noch kurz, versuchte sich an der Tischplatte festzuhalten, diese gab nach und er, Tischplatte und sein mitgebrachtes Leinen-Säcklein stürzten, als würde die Zeit besonders langsam vergehen, nach hinten. Mit einem dumpfen Plumps landete er auf seinem Po… ein vorsichtiges Kichern durchbrach die Stille. Unsicherheit bezüglich des richtigen Verhaltens breitete sich im Raum aus, SaDori hatte das Gefühl, dass plötzlich Nebel den Raum durchzog und die Temperatur spürbar abnahm. Die Männer, die links und rechts hinter Prinzessin Larissa saßen, hatten sich nach vorn gebeugt und sprachen auf Höhe ihres Nackens auf sie ein. Da der König einen Platz in ihrer Nähe gewählt hatte, konnte er Gesprächsfetzen auffangen, nachdem er selbst fertig war über die komische Situation zu lachen. Die Männer, die offenbar eine Beraterfunktion hatten, rieten der Prinzessin, nicht zu weiblich zu kichern oder besser gar nicht oder vielleicht wäre ein adligeres Lächeln besser und sie solle den Winkel ändern, dann den Blick senken und so weiter. Pro Sekunde erhielt die Prinzessin ein bis zwei Ratschläge, die zum Teil widersprüchlich waren. Nach kurzer Zeit lächelte sie nicht mehr und wirkte wieder sehr nervös.

Für das Auswahlverfahren hatte die Prinzessin eine schriftliche Prüfung vorbereitet, an der alle Kandidat*innen teilnehmen mussten. Danach folgte eine persönliche Auswertung mit jeder Kandidat*in und ein kurzes Interview. Der König freute sich über so viel Engagement und nahm voller Motivation am Verfahren teil. SaDori fiel es natürlich nicht schwer die Fragen zu beantworten, da die königliche Regentschaft bereits viele Jahre andauerte und er auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen konnte. Die Begeisterung hielt sich auch über das Interview hinaus, in dem er erfuhr, dass sein Testergebnis eines der besten war. Im Gespräch mit der einzigen anderen Kandidatin, die Jane hieß, erfuhr er, dass auch sie eine der Besten war und freute sich sehr darüber. Alle hatten das Auswahlverfahren hinter sich gebracht und warteten im großen grauen Raum. Nachdem die Prinzessin, in Begleitung ihrer Berater erschien, die beiden hatten selbst keine oder zumindest keine direkten Fragen an die Kandidat*innen gerichtet, ging es an das Verkünden der Ergebnisse. SaDori überlegte bereits mit welcher Begründung er seine Kandidatur zurückziehen konnte, ohne das Verfahren selbst in Gefahr oder die unsichere Prinzessin in eine unangenehme Lage zu bringen. Die Überraschung war dann umso größer, als Prinzessin Larissa weder SaDori, noch Jane aufrief, dafür aber nahezu alle Männer, auch diese, die zuvor von einem schlechten Ergebnis im schriftlichen Test berichtet hatten.

Jane wurde sehr traurig und begann zu weinen. SaDori bemerkte, dass Larissa ebenfalls traurig wurde. Ebenso bemerkte dies einer der Berater und beide Berater herrschten die Prinzessin zeitgleich an, „Reiß dich zusammen!“ und „Steh deinen Mann, schließlich willst du deine Machtposition nicht gefährden!“ und „Alle schauen dich schon an!“, „Denk an deine Vorbildrolle!“, „Weibliche Führungskräfte müssen auch mit schweren Entscheidungen souverän und insbesondere emotionslos umgehen!“, außerdem „Sei nicht so weichherzig, schließlich hast du dich für dieses Leben entschieden!“ und „Führung macht einsam, das weißt du doch!“.

Die Aussortierten verließen währenddessen stumm und bedrückt den Raum. Die ausgewählten Kandidaten wirkten ebenfalls nicht fröhlich und blieben zurück. SaDori kam der Raum jetzt noch grauer und kälter vor. Erst jetzt fiel dem König das Kneifen des Unterrockes wieder ein. Er beschloss, nachdem seine Kleidung nun ihren Zweck mehr oder weniger gut erfüllt hatte, zumindest den kneifenden Unterrock zu entsorgen. Heimlich stahl er sich in eines der Zimmer und riss das verhasste Kleidungsstück in Fetzen.

Nachdem er ein paar tiefe, befreiende Atemzüge genommen hatte, wandte er sich zum Gehen, als ein leises Wimmern aus der Ecke des Zimmers an sein Ohr drang. Wieder war Prinzessin Larissa kaum vom Hintergrund zu unterscheiden. SaDori entschuldigte sich und fragte nach dem Grund ihres Unglücklichseins. Larissa hielt eine Stickerei in der Hand, welche zu einem großen Wandbild zu gehören schien. Die vielen bunten Garne, die dabei verwandt worden waren, erzählten eine Geschichte. Larissa schluchzte weiter leise vor sich hin, während sie mit klangloser Stimme anfing zu erzählen. Es täte ihr sehr leid, dass Jane nicht ausgewählt wurde und auch SaDori habe sehr gut abgeschnitten. Dennoch könne sie nicht guten Gewissens andere Frauen in diese einsame, kalte Welt schicken. In einem langen Gespräch berichtete sie dem König über ihre Angst, Fehler zu machen und dass nur Prinzen um sie herum regierten, die nur darauf warten würden, dass sie etwas falsch mache. Mehrmals hätten diese ihr bei Staatsbesuchen oder auch schriftlich mitgeteilt, dass sie ja machen könne, was sie wolle, weil sie ja eine Frau sei, sie fühle sich wie ein Aushängeschild. Durch ihre Berater habe sie versucht, sich den Männern anzugleichen, das sei aber sehr schwer, da sie gerne eine Frau sei. Außerdem sei der Führungsstil der Männer auch so unterschiedlich, dass sie sich zerrissen fühle. Prinz Felion der Ängstliche, der Angst vor einer Sache hatte, die Feminismus hieß, habe bei seinem Auswahlverfahren nur die Stärksten zugelassen und ein Kräftevergleich entscheide über das Weiterkommen. Die wenigen Frauen, die teilnahmen, scheiterten am Hundertmeter-Hinkelstein-Lauf mit drei Steinen. Prinz Dittrich der Laissez-Faire ließ die Kandidat*innen in einer Lotterie auswählen. Die Kandidat*innen selbst stelle sein ausschließlich männlicher Hofstaat zusammen und das Verfahren sei intransparent.

Die Prinzessin berichtete weiter, dass auch die anderen Prinzessinnen ihr nicht helfen könnten. Keine sei zufrieden mit ihrer Situation. Außerdem lägen die Regierungsbezirke derart weit auseinander, dass Brieftauben die Wege selten schnell schafften oder von den Prinzen abgefangen würden, sodass die meisten Nachrichten eher unverbindliche Grußfloskeln enthielten. Abschließend entschuldigte sich Larissa erneut und verabschiedete sich vom sprachlosen König. Langsam und den Kopf voller schwerer Gedanken trat SaDori die Heimreise an.

Am nächsten Morgen trafen sich der König und die Königin an der verabredeten Stelle. Beide berichteten dem anderen von ihren Erlebnissen und nahmen wechselseitig Anteil an der Trauer und Verwunderung. Schnell waren sie sich einig, dass sie Hilfe von den Gelehrten des Reiches bei der Auswertung ihrer Daten benötigten. Als erste Amtshandlung, nachdem der Zaubertrank seine Wirkung verloren hatte und König und Königin wieder ihr ursprüngliches Antlitz besaßen, legten sie per Dekret die Unterbrechung des Auswahlverfahrens für die Prinzessinnen- und Prinzenämter fest.

Einige Wochen gingen ins Land, bis die Gelehrten dem Königspaar ein Untersuchungsdesign zur Überprüfung der qualitativ erhobenen Daten präsentierten. Noch ein wenig später hatte das Königspaar den wissenschaftlichen Beweis, dass Frauen in ihrem Reich benachteiligt wurden. Da die Forscher*innen, die natürlich im Sinne des Narratives Hexen und Zauberer waren, bereits seit Jahrhunderten an einem Bannspruch namens MinFeimSum arbeiteten, fragten sie die Königin und den König, ob sie diesen anwenden sollten. Das Königspaar war nach ein paar Erläuterungen begeistert und so legten die Zaubermeister*innen den Spruch über das Königreich.

Die Veränderungen traten nach nur einem Wimpernschlag ein…

Nun hatten alle Untertanen Zugang zu einem Auswahlsystem, in welchem geschlechtsspezifische Unterschiede keine Rolle mehr spielten. Die Männerbünde lösten sich auf und es etablierte sich ein funktionierendes Netzwerk, in dem sich alle Prinzessinnen und Prinzen austauschten. Alle im Reich bekamen mehr Freizeit und durften ihre Arbeitszeit so gestalten, dass sie Arbeit und Familie vereinbaren konnten. Die Schulung der Ammen und Lehrer*innen war mit Aussprechen des Zauberspruches abgeschlossen und alte Geschlechterstereotype kamen den Kindern nicht mehr zu Ohren. Alle Haushalte erhielten ein Grundeinkommen, sodass jede*r Untertan*in sein*ihr Leben so gestalten konnte, wie sie oder er es wollte und wirtschaftliche Zwänge der Vergangenheit angehörten. Plötzlich gab es neue Technologien, die zur Erleichterung der Arbeitsprozesse führten und körperliche Unterschiede spielten keine Rolle mehr.

Die Königin und der König schauten mit Zufriedenheit auf ihre glücklichen Untertanen und alle lebten glücklich und zufrieden und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

 

Quellen:
Biermann, K. B., Geisler, A. G., Polke-Majewski, K. P.-M. & Venohr, S. V. (2018, Oktober 8). Die Hans-Bremse. https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/gleichberechtigung-frauen-diskriminierung-fuehrungspositionen-ministerien.
Hofmeister, L. H. U. H. (2010, November 8). Frauen in Führungspositionen | bpb. bpb.de. https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauen-in-deutschland/49400/fuehrungspositionen.
Pegasus Spiele. (2014). Es war einmal [Illustration]. https://gesellschaftsspiele.spielen.de/alle-brettspiele/es-war-einmal/. https://www.spielen.de/uploads/image/28359/54da2775a2169.jpeg
Spörri, M. S. (2011, März 25). Alltagstheorien über Führung aus der Sicht von weiblichen und männlichen Führungskräften und ihren MitarbeiterInnen. http://kops.uni-konstanz.de/. http://kops.uni-konstanz.de/handle/123456789/10282.
World EconomicForum. (2019, Dezember 16). Global Gender Gap Report 2020. https://www.weforum.org/reports/gender-gap-2020-report-100-years-pay-equality.

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